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Rezension zu: Kroh, Jens: Transnationale Erinnerung. Der Holocaust im Fokus geschichtspolitischer Initiativen. Frankfurt am Main 2008
Stockholm University, Faculty of Humanities, Department of History.
2008 (German)Article, book review (Refereed) Published
Abstract [en]

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:Tanja Schult, Lidingö stad/Södertörns högskola, Stockholm E-Mail: <tanja.schult@-->lidingo.se>

Der nationalsozialistische Völkermord an den europäischen Juden wurde lange als eines unter vielen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs wahrgenommen. Erst allmählich erhielt dieser Verbrechenskomplex einen Sonderstatus, für den die Begriffe „Holocaust“ und „Zivilisationsbruch“ prägend wurden. Während diese zunächst von Film und Fernsehen in Gang gesetzte, dann nach und nach auch wissenschaftlich gestützte Entwicklung, die seit den 1980er-Jahren stattfand, bereits gut dokumentiert wurde, ist noch kaum bekannt, ob bzw. wie weitgreifend sich eine Internationalisierung des Holocaust-Gedenkens seit den späten 1990er-Jahren vollzogen hat.[1] Ist das europäische und globale Bewusstsein für die besondere Relevanz dieses Völkermordes ein Konstrukt einiger Akademiker, dient es Politikern zur gutgemeinten, aber folgenlosen Rhetorik, oder birgt das Bekenntnis zur Erinnerung an den Massenmord eine Verpflichtung zum (möglicherweise auch militärischen) Handeln?

Der Sozial- und Politikwissenschaftler Jens Kroh hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Fragen nachzugehen, und er tut dies klug mit der Konzentration auf zwei konkrete Untersuchungsfelder. Der Schwerpunkt seiner Dissertation liegt auf der Stockholmer Holocaust-Konferenz (S. 111-200), die bezeichnenderweise rund um den 27. Januar 2000 stattfand – den 55. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. 600 Politiker, Wissenschaftler und Zeitzeugen aus mehr als 40 Ländern kamen in Stockholm zu diesem ersten „globalen Gipfeltreffen des ‚neuen Millenniums’“ (S. 10) zusammen. Hervorzuheben ist die umfassende Medienbeobachtung dieses Ereignisses: „870 Journalisten sind akkreditiert und berichten in alle Kontinente von der Konferenz, die mit der Verabschiedung einer gemeinsamen Deklaration (Stockholmer Erklärung 2000) endet.“ (S. 10) Ferner widmet sich Kroh der 1998 vom damaligen schwedischen Staatsminister Göran Persson initiierten „Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research“ (S. 201-228). Dieses Netzwerk umfasst rund 200 Fachleute und Ministerialbeamte aus mehr als 20 Ländern (S. 222). Zweimal jährlich kommen Vertreter von Gedenkstätten, Mitarbeiter von Museen und Pädagogen aus 24 Mitgliedsstaaten zusammen, um Projekte und Maßnahmen zu erarbeiten. Ihre Tätigkeit vollzieht sich weitgehend im Schatten medialer Aufmerksamkeit. Doch sind diese Fachleute an öffentlich wirksamen Institutionen tätig, die die Erinnerungskulturen ihrer Mitgliedsstaaten langfristig beeinflussen können.

Mit der Auswahl dieser beiden Untersuchungsfelder, der systematischen Analyse ihres Enstehungszusammenhangs, ihrer Vorgeschichte und ihres Verlaufs, der wichtigsten Akteure, ihrer Rezeption in den Medien sowie der kurz- und längerfristigen Effekte der Konferenz und der Task Force konzentriert sich Kroh auf die politische Dimension der Transnationalisierung der Holocaust-Erinnerung und schließt damit eine von noch vielen Forschungslücken auf diesem Gebiet.

War die Stockholmer Konferenz nur ein kurzfristiges Medienereignis oder der Startpunkt für eine europäische Innenpolitik? Für Letzteres spricht die zeitlich parallel stattfindende diplomatische Sanktionierung Österreichs durch 14 EU-Staaten, als sich abzeichnete, dass sich Jörg Haiders rechtspopulistische Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) an der Regierung beteiligen würde. Kroh versteht die Stockholmer Konferenz und die Task Force als zwei unterschiedliche, miteinander verbundene geschichtspolitische Phänomene. Ihm zufolge ist die Holocaust-Konferenz auf dem Gebiet der symbolischen Geschichtspolitik anzusiedeln. Durch die Schaffung des Medienereignisses ‚Holocaust-Konferenz’ gelang es den Politikern, ihre Perspektiven öffentlich zu machen und so die Ausformung eines internationalen Holocaust-Gedächtnisses zu beeinflussen. Zugleich trugen sie dazu bei, den Holocaust als negative Referenz eines offiziellen, normgebenden europäischen Gedächtnisses zu etablieren (S. 232ff.). Die Task Force wiederum übernimmt die Rolle der konkreten und auf Dauer angelegten Umsetzung der politischen Deklarationen. Dieses Forum agiert ohne massenmediale Kontrolle oder Einfluss eines Gesetzgebers und kann so „nachhaltigen Einfluss auf die Emergenz transnationaler Erinnerungskulturen“ ausüben (S. 234).

Kroh zeigt, dass die Stockholmer Holocaust-Konferenz ein Schlüsselereignis für die politische Transnationalisierung der Holocaust-Erinnerung war. Ohne Zweifel hat eine solche Transnationalisierung und Institutionalisierung der Holocaust-Erinnerung stattgefunden. Das belegen zahlreiche Beispiele – darunter die Entscheidung der Vereinten Nationen von 2005, den 27. Januar jährlich als Gedenktag zu begehen. Es gibt eine „weltweite Konjunktur des Holocaust“ (S. 50), an der sich Akteure mit ganz unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlicher Nationalität grenzübergreifend beteiligen. Dennoch ist zu diskutieren, inwieweit von einer ‚globalisierten’ Holocaust-Erinnerung gesprochen werden kann. Wie Kroh selbst betont, gibt es auch zahlreiche Gegenbeispiele, etwa die 2006 in Teheran veranstaltete Konferenz, die gar in Frage stellte, ob es den Holocaust gegeben habe.

Auch kann nicht von einem europäischen Konsens in dieser Frage gesprochen werden. Deutlich wird eines: Mit dem Bekenntnis zur Holocaust-Erinnerung stellen die Länder Mittel- und Osteuropas „ihre Zugehörigkeit zur EU (und zur atlantischen Gemeinschaft) unter Beweis, welche die Vernichtung der europäischen Juden als fundamentale Deutungskategorie für Gegenwart und Zukunft begreift“ (S. 234). Auch wenn es oft pragmatische Erwägungen gewesen sein mögen, die die neuen Mitgliedsländer bzw. die Anwärter zu diesem Verhalten motivierten, spielten die Stockholmer Konferenz und die Task Force bei der Synchronisierung nationaler Erinnerungskulturen eine wichtige Rolle. Vor allem die Task Force trägt zum Beispiel durch Lehrerfortbildungen zur Angleichung der Curricula bei.

Kroh verdeutlicht, dass die Gründe für das Engagement auch auf westlicher Seite nicht immer nur hehren Motiven folgen. Warum gerade Schweden in den späten 1990er-Jahren zum Motor der Internationalisierung der Holocaust-Erinnerung wurde, hat vielfältige Ursachen – unter anderem die Angst, ähnlich wie die Schweiz (seit den dortigen NS-Raubgold-Debatten) ins Kreuzfeuer der Kritik zu geraten. Schweden sah sich mehr und mehr gezwungen, sich mit seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg auseinanderzusetzen, und nutzte diese Gelegenheit, sich – gemäß schwedischem Selbstverständnis – in einer moralischen Vorreiterrolle zu profilieren (S. 106f., S. 149). Dass dabei die kritische Aufarbeitung des eigenen Verhaltens im Hinblick auf die schwedische Flüchtlingspolitik seit 1938 und wirtschaftliche Beziehungen zum „Dritten Reich“ bisweilen zu kurz kam, verblasst im Hinblick auf die vielfältigen und nachwirkenden Initiativen von offizieller schwedischer Seite: so eine Anzahl internationaler Konferenzen, von denen die erste 1998 in die Gründung der Task Force mündete.

Kroh verteidigte seine Doktorarbeit bereits 2006 und hat für deren Publikation nun neue Literatur einbezogen. Was er vor zwei Jahren erst in Umrissen erkennen konnte, hat sich unterdessen als klare Tendenz abgezeichnet: Der Aufarbeitung der GULag-Erfahrungen wird nicht mehr nur in vielen Ländern Osteuropas stärkere Relevanz zugesprochen. Auch das schwedische Projekt „Lebendige Geschichte“, 1997 gegründet und seit 2003 staatliche Behörde, hat sich seit 2008 der Aufarbeitung und Vermittlung kommunistischer Verbrechen verschrieben, nachdem ursprünglich der Holocaust Ausgangspunkt für die Thematisierung aktueller gesellschaftlicher Probleme wie Fremdenfeindlichkeit und Neonazismus war (S. 84ff.). Diese vermeintliche Gleichsetzung der historischen Verbrechen wurde von mehr als 300 schwedischen Wissenschaftlern kürzlich scharf kritisiert.[2] Sie fühlten sich in ihrer Kritik gegenüber der Behörde als Geschichtsvermittlerin bestätigt, da die Verlagerung auf kommunistische Verbrechen als eine Folge des Regierungswechsels von 2006 empfunden wurde, als die Sozialdemokraten von einer bürgerlich-konservativen Koalition abgelöst worden waren. Allerdings scheint Schweden auch hier einem internationalen Trend zu folgen. Generell ermuntert das staatliche Engagement durch Bereitstellung von Forschungsgeldern verstärkt die Aufarbeitung stalinistischer Verbrechen – wie es bei Forschungsprojekten zur Aufarbeitung der NS-Diktatur schon länger üblich ist. Dabei erscheint es mir weniger als Problem, wie Kroh befürchtet, dass es zu einer „Kluft zwischen den diskrepanten Gedächtnislagern“ kommen kann (S. 235). Denkbar ist auch, dass die Erforschung der unterschiedlichen Terrorregime zu einer gleichberechtigten Anerkennung des Leidens der Opfergruppen führt. Insgesamt wird aber deutlich: Der politische Umgang mit den Verbrechen des 20. Jahrhunderts erfolgt gegenwarts- und zukunftsbezogen und ist gekoppelt an die Vermittlung demokratischer Werte und die Etablierung der EU als Wertegemeinschaft.

In dieser sehr lesenswerten und lobenswert knapp gehaltenen Studie vermisse ich eine Problematisierung des letztgenannten Aspekts. Kritisch zu fragen wäre, ob sich Gemeinschaften nicht doch eher auf gemeinsame positive Werte beziehen sollten – wie es bei der Reformation oder der Französischen Revolution der Fall gewesen ist –, statt ihre Legitimität aus der Abgrenzung zu Menschheitsverbrechen herzuleiten. Unabhängig von dieser Frage ist Krohs Beschreibung der Entwicklungen erhellend und regt zu weiteren Untersuchungen an.

Anmerkungen: [1] Eine der wichtigsten diesbezüglichen Publikationen, auf die sich auch Jens Kroh stützt, ist: Levy, Daniel; Sznaider, Natan, Erinnerung im globalen Zeitalter. Der Holocaust, Frankfurt am Main 2001. [2] Vgl. die Debatte im Frühjahr 2008 in der schwedischen Tageszeitung „Svenska Dagbladet“; z.B. <www.svd.se/kulturnoje/mer/kulturdebatt/artikel_1107407.svd> oder <www.svd.se/kulturnoje/mer/kulturdebatt/artikel_1172953.svd>.

Place, publisher, year, edition, pages
2008.
Keyword [de]
Holocaust, Gedächtnis, Erinnerung
Research subject
History
Identifiers
URN: urn:nbn:se:su:diva-31341OAI: oai:DiVA.org:su-31341DiVA: diva2:276125
Available from: 2009-11-10 Created: 2009-11-10

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