Die Bedeutung der Stadt in der frühen Neuzeit und einer in wachsendem Ausmaß auf Lesen und Schreiben aufbauenden städtischen Kultur für die Entstehung volkssprachiger Literatur, nicht zuletzt des Prosaromans, ist in der Forschung in den letzten Jahrzehnten ausführlich diskutiert worden (bspw. Kleinschmidt 1982, Peters 1983, Garber 1998, Meier 2004). Die Stadt wird zum Ort des literarischen Austausches, der Erfahrungs- und Wissensvermittlung, sowohl der Gelehrten als auch des heranwachsenden Bürgertums. Die Stadt findet auch in vielen Prosatexten der Zeit Erwähnung, sei es in itinerarischen Darstellungen (im Faustbuch), als konkreter Wohnort und Ort der Handlung (Von guten und bösen Nachbarn) oder als Kontrast und Gegensatz zum ‚Hof‘ und ‚Höfischen‘ (Magelone). Ein deutliches Interesse an der Stadt – das Wissen über sie bzw. über das, was sich in ihr abspielt – lässt sich in vielen Prosaromanen herauslesen. Die Stadt wird nicht nur enzyklopädisch erwähnt, um das Wissen des Autors zu dokumentieren, sondern sie ist zugleich Träger(in) von Erkenntnis und Erfahrung und bekommt somit eine doppelte Funktion in den Texten. Bisher ist die Funktion ‚der Stadt‘ im Kontext des enzyklopädischen Erzählens oder der Wissensvermittlung im Prosaroman nicht systematisch erfasst worden. Ziel dieses Beitrages ist es deshalb, die textuelle, sprachlich-rhetorische Verarbeitung von ‚Stadt‘ in einigen Beispielstexten zu untersuchen, um die Funktion der Stadt als Bestandteil einer enzyklopädischen Narration herauszuarbeiten, die danach strebt dem Leser nicht nur Weltwissen, sondern auch Weltgewandtheit zu vermitteln.